Computersüchtig

Wenn der Computer süchtig macht

Ein Tag ohne PC und man fühlt sich wie ein Alkoholiker ohne Flasche.

Eine Anregung zur Diskussion

Man kann es weder schlucken noch rauchen oder spritzen und trotzdem kann es süchtig machen. Die „Drogen“ heißen Kaufen, Sport oder Arbeiten, alltägliche Verhaltensweisen also, welche für die meisten Menschen kein Problem darstellen. Allerdings gibt es Personen, die sich nicht „normal“ verhalten, sie gehen exzessiv shoppen, treiben zwanghaft Sport oder arbeiten bis zum Umfallen. Umgangssprachlich wird dann von einer Sucht gesprochen. Doch auch in der Fachwelt wird über die sogenannten Verhaltenssüchte diskutiert. In letzter Zeit stehen auch Computerspiele oder das Internet unter Verdacht, süchtiges Verhalten zu fördern. Aber kann ein Computer wirklich süchtig machen?

Süchtig nach Bit und Bytes
Das „World Wide Web“ erfreut sich reger Beliebtheit und dank immer bedienerfreundlicherer Programme wagt sich auch der „Otto-Normalverbraucher“ an die neue Informationstechnologie. Schon 1996 veröffentlichte die US-amerikanische Wissenschaftlerin Kimberly Young erstmals einen Fachartikel über Internetsucht. Darin beschreibt sie den Fall einer 43-jährigen Mutter, die nicht übermäßig technologisch interessiert gewesen sein soll. Sie habe sich selbst sogar als „Computerphobikerin“ bezeichnet. Die Browseroberfläche ihres Providers habe es ihr aber besonders leicht gemacht, im Internet zu navigieren. Anfänglich habe sie auch nur ein paar Stunden pro Woche „gesurft“ und Chatrooms genutzt. Aber innerhalb von drei Monaten hat sie ihre Onlinezeit auf bis zu 60 Stunden pro Woche gesteigert. Sie hatte geplant, nur maximal 2 Stunden pro Tag online zu sein, doch blieb sie oft deutlich länger, manchmal bis zu 14 Stunden im Internet. In der Fachsprache wird dies als Kontrollverlust bezeichnet. Ein typisches Kennzeichen abhängigen Verhaltens.
Die Forscherin wollte damit einerseits zeigen, dass es tatsächlich exzessive Verhaltensmuster beim Internetgebrauch gibt. Andererseits wollte sie zum Ausdruck bringen, dass es nicht nur die jungen männlichen Computerfreaks mit einer Vorliebe für Fast Food sind, die den Bits und Bytes verfallen sind. Das Internet bzw. bestimmte Anwendungen darin würden das Potenzial haben, Menschen süchtig zu machen. Vor allem Chatrooms seien hier zu nennen. Expertinnen und Experten sind sich aber noch nicht einig darüber, ob es eine eigenständige Internetsucht überhaupt gibt oder ob diesem Phänomen in den meisten Fällen nicht doch andere Erkrankungen zugrunde liegen und das vordergründige exzessive Verhalten nur als Symptom dessen zu werten ist.

Die Macht der virtuellen Welten
Ähnliches gilt für die Computerspielsucht. Beobachtet wird, dass einige, vor allem jugendliche Computerspielerinnen und Computerspieler stundenlang und bis zur Erschöpfung virtuelle Kämpfe auf dem Bildschirm austragen, während ihre sozialen Kontakte in der realen Welt verkümmern. Ein besonderes Suchtpotenzial wird den sogenannten Massive Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPGs) zugesprochen. Bekannte Vertreter dieser Art von Computerspielen sind „World of Warcraft“, „Final Fantasy“ oder „Everquest“. Die über das Internet verfügbaren Computerspiele haben eine weltweite Fangemeinde, die sich rund um die Uhr in den virtuellen Spiel-Welten aufhalten kann.

Die Spielerinnen und Spieler organisieren sich in den Online-Rollenspielen zu sogenannten Gilden, das sind soziale Gruppen, die sich im Internet zum gemeinsamen Spielen verabreden. Das Suchtpotenzial dieser Art von Spiele liegt unter anderem in dem hohen Zeitaufwand begründet, der zum Fortkommen im Spiel notwendig ist. Der Aufwand wird aber durch ein steigendes soziales Prestige innerhalb der Spielergemeinschaft und durch vertiefte soziale Bindungen innerhalb der Gilde belohnt. Die sozialen Bindungen innerhalb der virtuellen Computerspielwelt gewinnen an Bedeutung, erzeugen damit aber auch Verpflichtungen und Versäumnisängste. Manche Spielerinnen und Spieler sollen sich sogar den Wecker stellen, damit sie nachts Verabredungen mit anderen Gildemitgliedern nachkommen können.

Hohe Bindungskraft
Online-Rollenspiele wie „World of Warcraft“ entwickeln eine hohe Bindungskraft an das Medium Computer, da hier eine Art virtuelle Parallelwelt aufgebaut wird, in der die Spielerinnen und Spieler immer stärker „abtauchen“ und in der ihr virtueller sozialer Status mit ansteigender Geschicklichkeit wächst. Der in der Online-Community erworbene Status steht demgegenüber oftmals im Kontrast zu den realen sozialen Problemen dieser jungen Menschen. Daher sind insbesondere jene Personen gefährdet ein sucht ähnliches Computerspielverhalten zu entwickeln, die Selbstwertprobleme und wenige befriedigende soziale Kontakte in der realen Welt haben.
Wie bereits in dem Beispiel der internetsüchtigen Frau gezeigt wurde, ist ein wichtiges Kennzeichen von Abhängigkeitserkrankungen der Kontrollverlust. Dieses wird auch bei Computerspielerinnen und -spielern beobachtet. Sie haben die Dauer des Spielens nicht mehr voll im Griff und spielen die meiste Zeit ihrer Freizeit. Extremfälle, in denen sogar länger als 24 Stunden gespielt wird, können vorkommen. Die Folgen sind Leistungseinbußen im schulischen oder beruflichen Bereich, Unruhe und Verschiebungen im Schlaf-Wach-Rhythmus. Andere Interessen und soziale Kontakte werden vernachlässigt, sodass sich das Freizeitverhalten immer stärker auf die virtuelle Welt fokussiert.
Ebenso wie die Internetsucht sucht man die Computerspielsucht aber ebenfalls vergeblich in den klassischen Diagnosesystemen wie dem ICD-10 oder DSM-IV. Bislang bleibt diesen Verhaltensstörungen der Rang einer eigenständigen Abhängigkeitserkrankung verwehrt. Denn noch ist nicht geklärt, ob nicht doch andere Probleme wie Selbstwertdefizite oder Depressionen die primären Ursachen für das exzessive Verhalten sind.

Behandlung ohne Abstinenz
Anders als bei den substanzgebundenen Süchten ist eine Abstinenz bei den Verhaltenssüchten schwierig bis unmöglich. Ein Verzicht auf Computerspiele kann durchaus sinnvoll sein, dem Computer völlig zu entsagen, dürfte aber für viele Menschen kaum mit dem Alltag zu vereinbaren sein. Daher kommt es in der Behandlung derartiger Verhaltensstörungen darauf an, einen kontrollierten Umgang zu erlernen. Erst in diesem Jahr wurde in Mainz die erste Ambulanz für Computerspielsucht eröffnet. Darüber hinaus bieten auch mehr und mehr Suchtberatungsstellen Sprechstunden für Computerspielsüchtige an.

Ist mein Kind Computer süchtig?

Computer und Internet sind im Jahre 2008 nicht mehr aus der Arbeits- und Freizeitwelt wegzudenken. Die Menschen müssen immer länger vor den Bildschirmen sitzen und auch Kinder bzw. Jugendliche verlagern ihre Spielgewohnheiten immer mehr in die Virtualität.

Insbesondere die Heranwachsenden unterliegen der Faszination dieser interaktiven Unterhaltungsmedien – mitunter so exzessiv, dass sie mehr Zeit in der virtuellen wie in der realen Welt verbringen.

Sie retten die Menschheit, erobern Fantasywelten oder bombardieren Terroristencamps – Kinder und Jugendliche können am Computer zu Helden werden. Moderne Computerspiele fesseln mit einer Flut von Bild- und Ton-Effekten die Aufmerksamkeit und machen es leicht, der Wirklichkeit zu entfliehen. Die fantastische Umgebung, die sie erzeugen, kommt vielen Spielern aufregender vor als der Alltag mit seinem Trott in der Familie oder Konflikten in der Schule. Manche Kinder und Jugendliche finden in der virtuellen Welt Anerkennung und Erfolgserlebnisse, die sie in ihrem echten Leben vermissen.

Das macht die Faszination vieler Spiele aus, hierin steckt aber auch ihre größte Gefahr: Wenn ein Kind lernt, dass es beim Spielen schnell und ohne Probleme seine Gefühle ausleben kann, wenn es dabei seine Ängste und Frustrationen verdrängen kann und seinen Stress abbaut, dann könnte es abhängig vom Computerspielen werden.


Begriffe wie Spiel- oder Onlinesucht machen die Runde

Schon im Jahr 2004 zeigten Befragungen der Berliner Charité, dass dieses Problem recht weit verbreitet ist. Fast jedes zehnte der untersuchten Kinder erfüllte die Kriterien, nach denen die Suchtforscher exzessives Verhalten diagnostizierten, war also regelrecht süchtig – eine alarmierende Zahl.

Doch wann wird aus einem harmlosen Spiel ernste Computersucht? Eine Diagnose können Eltern in den aller meisten Fällen nur sehr schwer selbst stellen.

Besonders interessant für Kinder und Jugendliche, die der Realität entfliehen wollen, sind sogenannte Online-Rollenspiele wie „World of Warcraft“ oder „Final Fantasy“. Die Spieler treffen sich – über das Internet miteinander vernetzt – in virtuellen Welten und lösen Aufgaben: In „World of Warcraft“ erkunden sie zum Beispiel fremde Phantasielandschaften, in denen sie Monster zur Strecke bringen. Dabei schließen sie sich zu Gruppen zusammen, um gegnerische Städte anzugreifen und zu erobern. Das Kooperieren mit anderen Spielern gehört dazu – doch die anderen sitzen manchmal sogar weit entfernt auf anderen Kontinenten. So entstehen Bindungen an Menschen, die völlig unbekannt bleiben. Solche Scheinbeziehungen können im schlimmsten Fall an die Stelle echter Freundschaften treten. Jugendliche fühlen sich in diesen Rollenspielen mitunter stärker geachtet als im wahren Leben. Dazu kommt, dass die spannende Handlung in der Computerwelt immer weiter läuft - die Folge: Manche Spieler stellen sich nachts den Wecker, um den Anschluss ans Spiel nicht zu verpassen. So verändert sich nach und nach das Leben eines computersüchtigen Kindes. Statt sich mit Freunden zu treffen, kreist das Denken immer stärker um das Spiel, betroffene Kinder ziehen sich zurück und vernachlässigen die Schule. Und das Kind schafft es immer weniger, seine Probleme außerhalb der Welt des Spiels in den Griff zu bekommen. Experten raten Eltern daher, das Verhalten ihres Kindes genau zu beobachten. Kapselt es sich ab? Reagiert es seine Emotionen immer mehr in der virtuellen Welt ab?

Das schreibt Diakonieverbund Sucht in der Region Osnabrück - Emsland zum Thema Computersucht

Synonyme: Internet Addiction, Pathologischer Internetgebrauch, Internetsucht, Medienabhängigkeit

Von 60 Millionen Deutschen, die das Internet nutzen, sind laut wissenschaftlichen Studien 3,2 % onlinesüchtig und 6,6 % gefährdet. Das sind weit über 2 Millionen Betroffene - und täglich werden es mehr.

Die Onlinesucht ist eine Suchtform, die (wie auch z. B. die Spielsucht) zu den nicht-stoffgebundenen Abhängigkeiten oder Verhaltenssüchten gerechnet wird. Folgende Verhaltenssüchte gibt es:
  •    Pathologisches Glücksspiel (ICD 10 Diagnose F 63.2)

  •    Online- /Mediensucht

  •    Kaufsucht

  •    Arbeitssucht

  •    Sexsucht

  •    Sportsucht

Nicht der PC, das Internet, das Handy oder die Playstation machen abhängig, sondern die Tätigkeit, die man exzessiv damit ausübt:
  •    der exzessive Konsum von Chat- und Kommunikationssystemen

  •    das stundenlange Spielen und Handeln über das Netz

  •    das stundenlange konsumieren von Sexseiten

  •    das zwanghafte Suchen nach Informationen im Netz

  •    die zwanghafte Beschäftigung mit dem Computer an sich

Es bedarf keiner besonderen Voraussetzungen, um süchtig zu werden, nur eines Menschen, der aufgrund seines Wesens, seines Umfeldes und seiner genetischen Anlagen als generell suchtgefährdet und labil einzustufen ist. Eine belastende Situation in Kombination mit einem verneinenden Konfliktlösungsverhalten kann eine Onlinesucht begünstigen. Onlinesüchtige sind sowohl männlich als auch weiblich, mal 12 Jahre alt, mal 65 Jahre alt, aber besonders oft junge Erwachsene, die häufig auch arbeits- und perspektivlos sind. Gesucht wird die heile Welt, die heile Partnerschaft ohne Ecken und Kanten. Nach und nach verschwindet der Blick für die Realität, dem Abdriften in eine Wunschwelt sind Tür und Tor geöffnet (Kontrollverlust). Einzig wichtig wird, stets online und „dabei“ zu sein, das reale Leben wird unwichtig. Aber die Sehnsüchte kann das Netz nicht stillen, und so entwickelt sich ein Teufelskreis mit allen suchttypischen Merkmalen, wie:
  •         Einengung des Verhaltensmusters

  •         Regulation von negativen Gefühlszuständen (Affekten)

  •         Toleranzentwicklung

  •         Entzugserscheinungen

  •         Kontrollverlust

  •         Rückfall

  •         Eindeutig schädliche Konsequenzen für Beruf, soziale Kontakte und Hobbys

Hinzu kommt bei vielen Fällen der Onlinesucht eine Komorbidität zu stoffgebundenen Süchten wie zu illegalen Drogen, Alkohol oder Zigaretten.

Wie erkenne ich, ob ich süchtig bin?

Im folgenden sind einige der auffälligsten Anzeichen für Onlinesucht aufgeführt:
  •    Ihre Partnerschaft und Freundschaften beginnen zu kriseln, das es häufig Stress wegen des Computers gibt

  •    Das Interesse an Offline-Geselligkeiten lässt merklich nach

  •   ; Besuch ist eher lästig geworden, weil Sie doch viel lieber am Computer sitzen würden

  •    Falls Sie (noch) berufstätig sind, lässt Ihr Elan und Engagement im Betrieb merklich nach und sie nutzen den betrieblichen Computer zu privaten zwecken

  •    Ihnen macht der mangelnde Schlaf zu schaffen und Sie sind erschöpft

  •    Sie gehen statt real zu shoppen, viel lieber online einkaufen

  •    Ihre Kondition lässt merklich nach, da die Bewegung an der frischen Luft fehlt

  •    Sie fühlen sich nicht mehr in die Familie integriert, sondern eher als Außenseiter

  •    das Gefühl, von Freunden, Kollegen, und der Familie nicht mehr verstanden zu werden, bestätigt sich täglich

  •    Sie kapseln sich mehr und mehr von Ihrem “alten Leben” ab.

Bei der Onlinesucht werden drei Bereiche unterschieden:
  • Online-Kommunikationssucht (Chat-Sucht)
    Hier geht es häufig um das Mailen, Chatten, und um Beiträge, die in Foren gepostet und von den Betroffenen zu jeder sich bietenden Gelegenheit aufgerufen werden. Häufig steckt hinter dieser       Form der Onlinesucht eine innere Einsamkeit. Latente Sehnsüchte, die nicht ausgelebt werden können. Oft werden Haushalt, die Versorgung der Kinder und der Partner vehement vernachlässigt, teilweise gar nicht mehr wahrgenommen.

  • Online-Spielsucht (Online-Rollenspiel-Sucht und Online-Glücksspiel-Sucht)
    World of Warcraft, Second Life, Pocker etc. Die Onlinespielsucht tritt zu 75 % bei Jugendlichen auf, meist bei den Jungen.
    Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, die dem Rollenspiel verfallen sind, leben in diesem Spiel, in ihrem “erarbeiteten Charakter” und mit ihren virtuellen Freunden und Gegnern. Alles andere ist unwichtig

  • Online-Sexsucht (Cybersex-Sucht)
    Cybersex nennt man die verbale und visuelle Form von Erotik und Sex, die letztlich zur phantasievollen Selbstbefriedigung dient. Dabei ist es unerheblich, ob die Abhängigkeit sich auf das Betrachten oder „Runterladen von Sex-Pics oder -Videos“ (Speichern von Akt-Fotos oder Videos auf dem Rechner) oder auf interaktive Sex-Konversation (dirty talk) bezieht. Beides kommt letztlich auf das Gleiche hinaus.     Online-Sex ist einfacher als realer Sex. Dadurch, dass man seine Triebe ständig stressfrei abbauen kann, ist man auch vor den Unsicherheiten und den Verletzungsmöglichkeiten einer Beziehung geschützt.