Frauen und Sucht

Die leise Sucht

von Susanne E. Kaise

Die Superfrauen von heute sind attraktiv, erfolgreich, niemals müde oder schlecht gelaunt. Um leistungsfähig zu bleiben, greifen viele zu Alkohol und Tabletten

frauen und sucht Ein Gläschen Wein zum Abschalten: Die Sucht bei Frauen beginnt leise
Bild: PhotoDisc

Die Sucht bei Frauen beginnt leise und unauffällig. Ein Glas Cognac zum "Runterkommen" nach einem langen Arbeitstag - niemand denkt sich etwas dabei. Doch irgendwann läuft nichts mehr ohne den kleinen Schluck nach Feierabend. Derzeit leben rund 530.000 Alkoholikerinnen in Deutschland, schätzt die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) in Hamm. Außerdem gelten eine Million Frauen als schwer medikamentenabhängig. Allen voran stehen Beruhigungsmittel wie Valium. Verschreibungsgrund sind meistens so genannte psychosomatische oder Befindlichkeitsstörungen wie Nervosität, Schlafprobleme oder Herzrhythmusstörungen ohne organische Ursache. "Die meisten Ärzte haben nicht die Zeit, um nach seelischen Ursachen zu forschen," sagt Carmen Walcker-Meyer, Geschäftsführerin des Frauensuchtprojekts StoffBruch in Berlin Mitte. Stress im Job und in der Familie oder abschalten nach einem langen Tag: Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen Frauen zum Glas oder zu Tabletten greifen.

Alkohol und Medikamente dienen zunächst als Helfer in schwierigen Situationen", sagt Victoria Kerschl vom Verein FrauSuchtZukunft in Berlin. "Später verheimlichen die Frauen ihre Sucht, weil sie sich schämen." Familie und Umfeld nehmen zunächst nicht wahr, dass etwas nicht stimmt. Die Schnapsflasche wird in der Küche versteckt, die Tabletten heimlich genommen. Die Alkoholfahne wird mit Pfefferminze überdeckt, die leeren Flaschen und Tablettenschachteln heimlich aus dem Haus geschafft. Nach außen halten die Frauen die Fassade so lange wie möglich aufrecht.

"Abhängigkeit ist schwer einzugestehen"

Die Alkohol- und Tablettenabhängigkeit bei Frauen ist kein Problem von sozialen Randgruppen. Drei Viertel aller Frauen, die sich wegen ihrer Alkoholkrankheit zu einer Beratungsstelle begeben, sind berufstätig. Rund die Hälfte lebt in einer festen Beziehung, viele haben Kinder. Untersuchungen des EU-Projekts "Alkoholkonsum und Alkoholprobleme bei Frauen in europäischen Ländern" ergaben, dass Frauen im mittleren Alter mit guter Ausbildung und höherem sozialen Status deutlich mehr Alkohol trinken als andere Frauen. Je länger die Ausbildung, desto höher liegt der tägliche Alkoholverbrauch. Die täglich konsumierte Alkoholmenge sagt zwar nichts über eine Abhängigkeit aus, doch mit steigender Menge und Regelmäßigkeit steigt auch das Risiko, süchtig zu werden.

Nimmt eine Frau täglich 40 Gramm reinen Alkohol oder mehr zu sich, gilt sie als stark suchtgefährdet. Ein Viertelliter Bier oder 0,1 Liter Wein beispielsweise enthalten bereits zehn Gramm Alkohol. Die Frauen, die in die Beratungsstelle der FrauSuchtZukunft kommen, sind meist zwischen 28 und 42 Jahren alt. Viele leben schon jahrelang unentdeckt mit ihrer Krankheit. "Frauen haben es schwer, sich die Abhängigkeit einzugestehen", berichtet Victoria Kerschl.


Oft liegen die Ursachen für die spätere Abhängigkeit schon in der Kindheit. Seelische oder körperliche Gewalt oder das Suchtverhalten der Eltern sind bei der Entstehung der Sucht entscheidend. Eine der Hauptursachen scheint aber die permanente Überforderung in Job und Familie zu sein. Claudia Bebko und Jo-Ann Krestan beschreiben in ihrem Buch "Das Superfrauen-Syndrom" die Frau von heute. Sie muss eine Superfrau sein: attraktiv, erfolgreich, niemals müde oder schlecht gelaunt, Ehefrau, Mutter, Karrierefrau. Dieser Zwang, es allen recht zu machen, ist verheerend für das Selbstwertgefühl. Er ist der Grund, warum Frauen sich ständig selbst überfordern und die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund drängen. Alkohol und Tabletten scheinen dann oft der einzige Weg, um leistungsfähig zu bleiben.

Raus aus der Sucht

In Sachen Abhängigkeit gebe es Unterschiede zwischen Frauen und Männern, betont Rolf Hüllinghorst, Geschäftsführer der DHS. "Viele süchtige Frauen suchen die Schuld nur bei sich selbst. Männer dagegen machen eher andere Menschen oder Lebensumstände für ihre Sucht verantwortlich." Frauen gingen außerdem in Beratungsgesprächen sehr früh aus sich heraus. Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Wohngemeinschaften bieten deshalb gezielte Hilfe für weibliche Suchtkranke an.

Zum Weg aus der Sucht gehört immer auch die Entgiftung. Diese sollte unter Aufsicht stationär oder ambulant in einer Klinik erfolgen. Bis zu acht Wochen kann der körperliche Entzug bei schwerer Beruhigungsmittelabhängigkeit dauern, die Entgiftung nach Alkoholmissbrauch eine gute Woche. Es reicht aber nicht, nur den Körper zu entgiften. "Wir wollen die Betroffenen auch seelisch so weit stabilisieren, dass sie das für sie beste Hilfsprogramm annehmen können", erklärt Hansjürgen Keller, Chefarzt am DRK Krankenhaus Mark Brandenburg in Berlin. Der Zeitraum von sieben Tagen, den die Krankenkassen in der Regel für den Entzug bewilligen, ist meist zu knapp, um die Patienten auf den nächsten großen Schritt, die Therapie, vorzubereiten. "In sieben Tagen machen wir die Leute nur fit für den nächsten Rückfall", klagt Keller. Die anschließende Therapie, finanziert von der Sozialversicherung, besteht aus Psychoanalyse, Gruppentherapie und anderen Maßnahmen - je nach Patientin und Krankheitsbild. Stationär in einer Fachklinik dauert die Therapie drei bis vier Monate, in ambulanten Einrichtungen bis zu einem Jahr. Doch auch danach ist die Patientin nicht vor einem Rückfall sicher - der Alkohol muss für immer tabu bleiben.

Susanne E. Kaiser ist freie Wissenschaftsjournalistin in Berlin. 

Süchte und Abhängigkeiten im Leben von Frauen

süchte und abhängigkeiten 1In unserer Gesellschaft sind Süchte und Abhängigkeiten eine allgegenwärtige Erscheinung. Die Art und Weise, wie sich das Phänomen Sucht in unserer Kultur manifestiert, ist jedoch neu in der Geschichte der Menschheit, ist eine Erfindung der Moderne. Menschen haben zu allen Zeiten und in allen Kulturen bewusstseinsverändernde Drogen zu sich genommen, um in Kontakt mit den Göttern zu treten, tiefere Erkenntnisse zu gewinnen und Krankheiten zu heilen. Die Einnahme dieser Substanzen war jedoch immer so hochgradig reguliert und in feste Rituale eingebunden, dass es zu Suchtzuständen im Sinne von absoluter Fixierung und psychischer und physischer Abhängigkeit nicht kommen konnte. Die Etymologie des Wortes "Sucht" in unserer Sprache ist sehr aufschlussreich. Sucht kommt vom gotischen siukan, krank sein - das Wort "siech" erinnert noch daran - und bis ins 16. Jahrhundert bezeichnete es schlicht jede Art von Krankheit, wie Fallsucht (Epilepsie), Schwarze Sucht (Cholera), usw. Das Konzept der Sucht in unserem modernen Sinne existierte überhaupt nicht.
Ab dem 16. Jahrhundert wurde der Begriff Sucht von dem der Krankheit abgelöst, während von nun an mit Sucht ein Laster, ein unkontrolliertes und moralisch verwerfliches Verhalten, bezeichnet wurde. Noch im 19. Jahrhundert verstanden die europäischen Gesellschaften unter Sucht eine krankhafte Verformung des Charakters, z. B. als "Machtsucht". Der für die zukünftige Entwicklung maßgebliche Bedeutungswandel des Suchtkonzeptes fand im Zusammenhang mit der Neudefinition des Alkoholismus statt. Dieser stellte aufgrund der Industrialisierung und besserer Verfügbarkeit hochprozentiger alkoholischer Getränke ein gehäuft auftretendes Problem dar und wurde nun nicht mehr als Laster oder persönliche Schwäche, sondern als Krankheit verstanden.

In der Folge weitete sich diese Definition auf alle substanzgebundenen Abhängigkeiten aus. Eine Zeitlang wurde auch von der Annahme ausgegangen, dass die psychotropen Substanzen selbst, mit ihren spezifischen chemischen Eigenschaften, die Sucht unmittelbar verursachten, aber dieses Modell stand in Widerspruch zu der beobachteten Realität. Inzwischen hat sich in der Medizin und der Psychologie der Begriff der "Abhängigkeit" durchgesetzt, ohne dass klar definiert werden kann, welches die tatsächlichen Ursachen für die Herausformung süchtiger Verhaltensmuster sind. Es scheint jedoch klar, dass es sich um denselben Mechanismus handelt, der sowohl substanzgebunden als auch anderen, "metaphorischen" Süchten, wie Spiel-, Ess- oder Arbeitssucht, zugrunde liegt.

Frauen schlucken und schweigen

Reinen Schätzungen zu folge stellt sich die Geschlechtsrelation wie folgt dar:
  • Von den insgesamt 2,5 Millionen geschätzten stark gefährdeten oder alkoholabhängigen Menschen in Deutschland sind etwa 1/3 Frauen.

  • Von den bis zu 1,4 Millionen Menschen als medikamentenabhängig eingeschätzten Menschen sind 2/3 Frauen.

  • Von den ca. 10 Millionen süchtigen Rauchern sind 1/3 Frauen.

  • Von den etwa 160.000 Drogenabhängigen sind etwa 30-40% Frauen.

  • Bei der Zahl der Essgeschädigten ist sogar von einem Frauenanteil von bis zu 90% auszugehen.

  • Darüber hinaus, so schätzt man, sind abhängige Frauen oftmals mehrfach abhängig (= gleichzeitige Einnahme von Alkohol, Drogen und Medikamenten, evtl. auch zusätzlich bestehende Essstörungen)


Betrachtet man nun die Krankheit Sucht unter geschlechtsspezifischen, in diesem Fall insbesondere unter frauenspezifischen Gesichtspunkten, fällt bei der weiblichen Bevölkerung ein mehr heimlicher Gebrauch von Suchtmitteln auf.

Unter medizinischen Aspekten ist zu berücksichtigen, dass der weibliche Organismus in der Regel eine niedrigere Alkoholtoleranz aufweist und die Erkrankung daher bei der Frau einen rascheren Verlauf nimmt. Es kommt zur Verschlechterung des Allgemeinzustandes und zu diversen neurotischen Störungen, Depressionen, Angstzustände, psychosomatische Beschwerden. Häufig setzt auch eine absolute Interessensverarmung ein, die schließlich zur totalen Vereinsamung führt.

Führender Konflikt bei den Frauen ist das Merkmal 'Partner und Familie', während es bei den Männern eher die Bereiche Beruf und die eigene Persönlichkeit sind . Die mangelnde Identitätsfindung ist bei den von Alkohol und/ oder Medikamenten abhängigen Frauen stark ausgeprägt.

Eine besondere Rolle scheint dabei die weibliche Rollenvorstellungen der Mädchen und Frauen zu spielen. Bezeichnend dafür sind z.B. folgende Aussagen von verschiedenen Patientinnen:
A: "Ich spürte schon lange, dass ich nicht nur mit mir als Mensch, insbesondere mit meiner mir zugedachten Rolle als Frau nicht zurecht kam."

B: "Als die Kinder groß wurden und meine Funktion als Hausfrau und Mutter nicht mehr so gefragt war, entstand in mir eine große Leere. Ich konnte mit mir nichts anfangen und griff immer häufiger zum Tröster Alkohol."

C: "Ich floh mit Hilfe des Suchtmittels vor meiner offensichtlichen Unfähigkeit, die von Anderen, aber vor allem von mir selbst an mich gestellten Erwartungen als berufstätige Ehefrau und Mutter zu erfüllen."

D: "Mit meinem ständigen Bemühen, es meiner Umgebung Recht zu machen um geachtet, geschätzt und geliebt zu werden, geriet ich in eine starke Überforderung, die ich mit Medikamenten zu bekämpfen versuchte."

Diese Aussagen, die sich nach Belieben fortsetzen ließen, verdeutlichen auch, wie abhängig grade weibliche Patientinnen vom Werturteil Ihrer Umgebung sind. Ein gesundes Selbstbewusstsein als unabdingbare Voraussetzung für eine ausreichende Identitätsfindung konnte offensichtlich nicht entwickelt werden. Da die Grundsteine dafür in der Kindheit gelegt werden, ist es erforderlich sich mit der Frage, welche Rolle die Erziehung bei der Entwicklung der Sucht bei Frauen spielt, zu befassen.

Auswirkung der Erziehung

Betroffene Frauen leben häufiger in zerrütteten oder unvollständigen Familienverhältnissen, z.B. haben sie häufig einen Elternteil schon früh durch Ehescheidung oder Tod verloren. Im Vergleich zu weiblichen Nichtkonsumenten treten bei süchtigen Frauen in stärkerem Maße Störungen der Kindheits- und Jugendbeziehungen zu den Eltern auf. Da Mädchen aber schon im kindlichen Entwicklungsprozess stärker auf die emotionale Zuwendung ausgerichtet sind, trifft sie eine Zerrüttung der elterlichen Familie im Durchschnitt mehr als die männliche Bevölkerung.

"Durch bestimmte Aussagen und Verhaltensweisen meiner Eltern, die sich ständig stritten, entwickelten sich bei mir große Unsicherheiten und Minderwertigkeitsgefühle." Daraus ergibt sich das Bemühen, durch totale Verhaltensanpassung die Erwartungen der Eltern zu befriedigen um damit z.B. eine Trennung der Eltern zu verhindern.

Kommt es trotzdem zur Trennung, wird es häufig als eigenes Versagen erlebt. Diese "Niederlage" kann oft nicht in Bezug gesetzt werden zur Realität. Es bleiben Schuldgefühle zurück, die durch noch mehr Anpassung und noch mehr Leistung zu kompensieren versucht werden. Dafür spricht auch die Tatsache, dass Alkoholikerinnen später, sowohl in ihrem Beruf als auch in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter, stets perfekt sein wollen.

Die Bedürfnisse Anderer vollkommen zu befriedigen ist und bleibt oft ihr einziger Lebenssinn. Diese übertriebenen, ja z.T. schon zwanghaften Ansprüche an sich selbst führen aber zwangsläufig zu erneuten Niederlagen, mit denen in der Regel nicht angemessen umgegangen werden kann.

Zusammenfassend zum Thema Erziehung kann also festgestellt werden, dass die Beziehungen zu den Eltern eher negativ gefärbt sind. Sowohl die Gefühle zum Vater, der häufig als selbstherrlich, streng und unbeherrscht erlebt wird, wie auch die Gefühle zur Mutter, die oft als schwach, duldsam und in Bezug auf die Tochter als anklammernd wahrgenommen wird, sind sehr ambivalent.

Da das Kind aber von beiden angenommen und geliebt werden möchte, werden negative Gefühle bis ins Unbewusste verdrängt. Das Kind baut sich eine Scheinwelt auf, in der meist insbesondere die Mutter als Identifikationsfigur für die Tochter stark idealisiert wird. Dieses unrealistische Bild der Mutter setzt sich später in einer sehr verzerrten Selbstwahrnehmung fort.

Dieses wird deutlich erkennbar, wenn man die erhebliche Differenz zwischen Selbst- und Idealbild der abhängigen Frau betrachtet . Die negativen Gefühle in bezog auf den Vater können in der Regel eher zugelassen werde, besonders wenn dieser, wie es bei den Vätern alkoholkranker Frauen häufig der Fall ist, zu Gewaltausbrüchen neigt.

Ursachen von Süchten und Abhängigkeiten bei Frauen

süchte und abhängigkeiten 3Weder in der Medizin noch in den Sozialwissenschaften finden sich wirklich befriedigende Erklärungen für die Entstehung von Sucht, aber es herrscht Einigkeit darüber, dass es sich um ein "multifaktorielles Geschehen" handelt. Dennoch lassen sich bei Frauen eine Reihe von geschlechtsspezifischen Faktoren feststellen, die auf die eine oder andere Art und Weise das Suchtverhalten fördern. Eine grundlegende Vorbedingung ist die geschlechtsspezifische Sozialisation. Frauen müssen gefallen, gefällig sein, um überleben zu können - das wird ihnen zumindest in der Erziehung suggeriert. Die eigenen Bedürfnisse müssen zurückgeschraubt, eigene Wünsche unterdrückt werden. Wenn die daraus entstehenden Konflikte unerträglich werden, entwickeln Frauen psychosomatische Symptome, Depressionen oder greifen zu Drogen. Mit einer selbst gewählten Abhängigkeit tun manche Frauen zum ersten Mal in ihrem Leben etwas für sich selbst, ohne erlerntes Verhalten dafür aufgeben zu müssen.

Auch in den Biographien süchtiger Frauen fallen wiederholt die Gewalt Erfahrungen der Betroffenen in der Kindheit auf. Jede Frau in unserer Gesellschaft ist der strukturellen Gewalt ausgesetzt, die gesellschaftsimmanent ist und die Geschlechterverhältnisse mitdefiniert. Prinzipiell richtet sich Gewalt von Männern gegen Frauen, und auch sexuelle Gewalt und Gewalt in der Familie dient dazu, bestehende Machtstrukturen zu festigen.
Dass Frauen an dieser Situation teilhaben, ändert nichts an ihrer grundlegenden und lebenslangen Benachteiligung. Süchtige Frauen sind in erschreckendem Ausmaß das Opfer von Gewalt auf der persönlichen Ebene, in der Ehe oder Partnerbeziehung. Sie nehmen Drogen, um sich gegen die täglichen Misshandlungen abzustumpfen, um die unerträgliche Situation erträglicher zu machen. Bei einem hohen Prozentsatz der Betroffenen findet sich fortgesetzter sexueller Missbrauch durch nahe männliche Angehörige bereits seit der frühen Kindheit; besonders bei essgestörten Frauen, die eine Therapieeinrichtung aufsuchen, ist dies fast schon die Norm. Emotionale Probleme und Beziehungsstrukturen sind mit dem Suchtgeschehen stets untrennbar verbunden. Frauen sind in unserer Kultur nach wie vor für die emotionale Stabilität innerhalb der Familie zuständig, sie sollen Liebe, Geborgenheit und psychische Sicherheit an alle Familienmitglieder vermitteln, ungeachtet ihrer eigenen Gefühlszustände. Gleichzeitig sind aber viele Frauen aufgrund ihrer Erwerbstätigkeit einer ganzen Reihe zusätzlicher Stressfaktoren ausgesetzt. Dennoch wird von ihnen verlangt, mit unvermindertem Energieaufwand die emotionalen Belastungen ihrer Angehörigen in allen Lebenslagen aufzufangen - ein Ding der Unmöglichkeit in einer zusehends komplexer werdenden Gesellschaft. Ein Politiker sagte einmal, dass eine gute Ehefrau besser sei als jeder Herzschrittmacher. Aber wer soll als der Herzschrittmacher der Frau fungieren? Die permanente psychische und emotionale Überforderung der Frauen kann nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Wege aus der Abhängigkeit

süchte und abhängigkeiten 4jpgSchätzungsweise 1,8 Millionen Frauen in Deutschland sind abhängig von illegalen Drogen, Alkohol und Medikamenten. Statistisch nicht erfasst wird die wahrscheinlich ungleich höhere Zahl von Frauen, die von der Sucht ihrer Angehörigen mitbetroffen sind und ebenfalls dringend Hilfe benötigen. Zur Zeit stehen etwa 1200 ambulante Beratungsstellen und etwa 18000 stationäre Plätze für Entwöhnung und Rehabilitation innerhalb der konventionellen Suchtkrankenhilfe zur Verfügung. Aber die Existenz dieser Einrichtungen sagt noch nichts über ihre Effektivität aus. Gerade in Bezug auf Frauen ist der Nutzen der vorhandenen Therapien und Therapiekonzepte in jüngerer Zeit in den Blickpunkt - besonders der feministischen - Kritik geraten, denn die Hilfsangebote sind aufgrund ihrer an der Gesamtgesellschaft orientierten Struktur äußerst problematisch, oftmals sogar frauenfeindlich. Daher sind dauerhafte therapeutische Erfolge selten, und Rückfälle an der Tagesordnung. Dieses Versagen wird jedoch dem Individuum angelastet, niemals der Institution.

Therapeutische Vorgehensweisen, die beide Geschlechter mit einbeziehen, sind mehr als fragwürdig, da in diesen Gruppen die gesellschaftlichen Verhältnisse allzu leicht reproduziert werden, mit dem Resultat, dass die Frauen, gemäß der ihnen zugeschriebenen Rolle, passiv gemacht und zum Schweigen gebracht werden. Um Frauen wirksam helfen zu können, müssen die Gewalt Erfahrungen der Betroffenen thematisiert und verarbeitet werden, etwas, das in der konventionellen Suchthilfe grundsätzlich ausgeklammert bleibt. Zudem ist es unerlässlich, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Frauen ohne Hemmungen sprechen und agieren können, in der sie Schwächen zeigen dürfen, aber auch ihr Selbstvertrauen stärken und neue Lebensentwürfe entwickeln können. Ein erfolgversprechendes Therapiekonzept muss daher auf der Basis von reinen Frauengruppen entwickelt werden, es muss ein Angebot von Frauen für Frauen sein. Diesem Anspruch werden die alternativen, feministisch ausgerichteten Beratungsstellen gerecht, von denen es allerdings noch nicht sehr viele gibt.

In Bezug auf Süchte, Abhängigkeiten und gangbaren Wegen zur Hilfe gibt es zur Zeit mehr Fragen als Antworten; sowohl kritische und detaillierte Analysen der bestehenden Denkmodelle und Institutionen als auch neue theoretische Ansätze und therapeutische Entwürfe sind dringend notwendig, um das Suchtproblem in unserer Gesellschaft in Zukunft auf adäquatere Weise zu handhaben. Die Antwort muss auch in der Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen gesucht werden, denn 1,8 Millionen Frauen lassen sich nicht therapieren.

Dieser Artikel ist erschienen in:
Clio. Eine feministische Zeitschrift zur gesundheitlichen Selbsthilfe, Nr. 46/1998, S. 4-6.

Literaturliste

Geier, Reinhild. "Den Hintern vollsaufen und dann ins Bett". In: Spinnt die Frau? Ein Lesebuch zur Geschlechterfrage in der Psychiatrie, hg. von Doris Schneider und Gabriele Tergeist, Bonn 1993, S. 187-195.

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Heinzmann-Gendolla, Carola; Olaniyi, Rita. Gibt es frauenspezifische Ursachen zur Sucht? in: Wir Frauen, Heft 1/1997, S. 18-19.

Scheerer, Sebastian. Rororo Special Sucht. Reinbek 1995.

Schulte-Strathaus, Regine. Alkoholismus und Frauen: Diffuse Ängste, in: Psychologie Heute, März 1997, S. 10.

Sonntag, Ute; Gerdes, Ursel (Hg.). Frau und Gesundheit. Beiträge zur Sensibilisierung für eine frauenspezifische Gesundheitsförderung. Oldenburg 1992.

Verein für Sozialwissenschaftliche Forschung und Bildung für Frauen (Hg.). Der feministische Blick auf die Sucht. Frankfurt 1990.

Verein für Sozialwissenschaftliche Forschung und Bildung für Frauen (Hg.). Dogenkonsum und Drogenkontrolle. Frankfurt 1992.

Vogt, Irmgard. Frauen und psychotrope Substanzen: Konsummuster, Abhängikeiten und die Suchtkrankenhilfe, in: Zeitschrift für Frauenforschung, 14. Jg., Heft 3/1997, S. 117-128.

Vogt, Irmgard. Therapierisiken für Frauen in der Suchkrankenhilfe, in: Psychologie und Gesellschaftskritik, 15. Jg., Heft 3/4, 1991, S. 123-146.

Alkohol in der Schwangerschaft

Alkohol ist die häufigste bekannte Substanz, die Fehlbildungen in der Schwangerschaft verursacht. Vor 20 Jahren wurde erstmals vermutet, dass Alkoholismus in der Schwangerschaft zu einer spezifischen Kombination von Fehlbildungen, dem sogenannten "fetalen Alkoholsyndrom", führen kann. Die betroffenen Kinder sind sowohl körperlich als auch geistig-intellektuell und in ihrer sozialen Reifung beeinträchtigt. In Deutschland werden jährlich etwa 2000 Kinder mit dieser Kombination von Fehlbildungen geboren, nicht gerechnet die gering ausgeprägten Formen einer Alkoholschädigung, die sich z.B. nur als Konzentrationsstörungen bemerkbar machen.

Wie wirkt sich Alkohol schädigend auf das Kind aus?

Alkohol (genauer gesagt: Äthanol bzw. Äthylalkohol) wird nach dem Trinken rasch aus Magen und Darm ins Blut aufgenommen.
Maximale Konzentrationen werden im Blut 1-2 Stunden nach dem Trinken erreicht.
Zu 90% wird Äthanol in der Leber verstoffwechselt, wobei als Stoffwechselprodukt unter anderem Acetaldehyd entsteht.
Sowohl Äthanol als auch Acetaldehyd gelangen über den Mutterkuchen in das ungeborene Kind und führen zu einer Schädigung der kindlichen Zellen und Organe.

Welche Mengen Alkohol sind in der Schwangerschaft bedenklich?

Bislang ist ungeklärt, ob gelegentlicher Alkoholgenuß in der Schwangerschaft völlig ungefährlich für die Entwicklung des Kindes ist. Das Vorkommen einer spezifischen Kombination von kindlichen Fehlbildungen und Auffälligkeiten, das sogenannte "fetale Alkoholsyndrom" wurde jedoch bisher nur bei alkoholkranken Müttern beschrieben, also bei Frauen, die regelmäßig größere Mengen von Alkohol tranken. Insbesondere das regelmäßige Trinken von Alkohol ist also gefährlich.
Es bringen jedoch nicht alle alkoholabhängigen Mütter Kinder mit einer ausgeprägten Schädigung zur Welt. Das Risiko für das Kind steigt mit zunehmender Dauer und zunehmendem Schweregrad der Alkoholkrankheit (=Alkoholismus) der Mutter. In der chronischen Phase des Alkoholismus sind über 40% der Nachkommen meist schwer geschädigt.

Zwischen der täglich getrunkenen Menge Alkohol und dem Schweregrad der Schädigung des Kindes kann man jedoch keine feste Beziehung festlegen. Wenig trinkende Mütter haben zum Teil schwer geschädigte Kinder geboren, andererseits gab es viel und exzessiv trinkende Mütter, die kaum oder nur leicht geschädigte Kinder zur Welt brachten. Offensichtlich gibt es hier, wie auch für andere Folgen des Alkoholismus (z.B. die Leberzirrhose), unterschiedliche Empfindlichkeit für die Folgen des Alkohols. Tendenziell läßt sich aber natürlich schon sagen, daß exzessives Trinken gefährlicher ist als weniger starkes.
Da man - wie gesagt - keinen Grenzwert festlegen kann, unter dem Alkohol sicher nicht schädigend wirkt, sollte man möglichst während der Schwangerschaft darauf verzichten. Besonders gefährlich ist jedoch das regelmäßige Trinken von Alkohol, dabei sollte man auch an alkoholhaltige "Stärkungsmittel" und Medikamente denken.

Wozu kann Alkohol in der Schwangerschaft beim Kind führen?

Wirkung auf Gehirn und geistige Entwicklung:

Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft ist eine der häufigsten Ursachen für eine Verzögerung der geistigen Entwicklung bei Kindern. Kinder von alkoholkranken Müttern zeigen im Durchschnitt eine schwächere Leistung in Intelligenztests. Fast 90% der Kinder mit einem Alkoholschaden sind minderbegabt, die meisten von ihnen besuchen eine Schule für Lern- oder Geistigbehinderte. Sie sind im allgemeinen auch weniger aufmerksam und zappeliger als andere Kinder. Die letztere Beobachtung macht man auch bei Kindern von Müttern mit einem mittelgradigen, sozial noch nicht als Alkoholismus eingestuften Trinkverhalten.

Schwer alkoholgeschädigte Kinder können bereits bei Geburt einen zu kleinen Kopf haben. Der Kopf bleibt aber häufig erst später in seiner Größenentwicklung zurück. Solche Kinder sind häufig in ihrer geistigen Entwicklung zurückgeblieben, auffällig übererregbar und -aktiv und zeigen Muskelschwäche und unkoordinierte Bewegungen. Nicht selten entwickeln sie ein Krampfleiden.
Wirkung auf die übrigen Organe:

Als sogenanntes fetales Alkoholsyndrom bezeichnet man eine spezifische Kombination von Fehlbildungen und Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern alkoholkranker Mütter. Dazu werden zum einen die bereits oben erwähnten Auffälligkeiten des Kopfwachstums und der geistigen Entwicklung gezählt. Zum anderen können folgende Auffälligkeiten auftreten:

  •    Minderwuchs, niedriges Gewicht, wenig Unterhautfettgewebe.

  •    Auffälligkeiten im Gesichtsbereich, z.B. Falte am Augeninnenrand, hängende Augenlider, verkürzter Nasenrücken, schmales Lippenrot, Gaumenspalte, fliehendes Kinn.

  •    Auffälligkeiten an Armen und Beinen, z.B. Verkürzung des Kleinfingers, auffällige Handfurchen.

  •    Fehlbildungen innerer Organe, z.B. Herzfehler, Auffälligkeiten des Genitales und der Harnwege.

Einzelne solcher Auffälligkeiten findet man jedoch auch bei nicht alkoholgeschädigten Kindern.

Nicht alle genannten Auffälligkeiten kommen bei allen Kindern mit fetalem Alkoholsyndrom gleichzeitig vor. Nur eine Kombination verschiedener dieser Auffälligkeiten zusammen mit dem Alkoholkonsum der Mutter lassen die Diagnose "fetales Alkoholsyndrom" zu. Je nach Menge der Auffälligkeiten unterscheidet man drei verschiedene Schweregrade, wobei Kinder mit dem Schweregrad I eventuell nur Verhaltens- und Entwicklungsauffälligkeiten zeigen können, während Kinder mit dem Schweregrad III schon äußerlich durch die typischen Gesichtsfehlbildungen auffallen und in ihrer Intelligenz in der Regel stark eingeschränkt sind.

Wie ist die Prognose alkoholgeschädigter Kinder?

Nachuntersuchungen alkoholgeschädigter Kinder ergaben, daß die äußerlichen Auffälligkeiten und Fehlbildungen- insbesondere die Gesichtsauffälligkeiten - mit zunehmendem Alter weniger ausgeprägt sind.

Auch bezüglich Intelligenz und Sprachentwicklung zeigen sich mit zunehmendem Alter bei einigen Kindern Verbesserungen, wobei jedoch schwer betroffene Kinder kein normales Niveau erreichen und geistig behindert bleiben. Selbst Kinder mit einem leichten fetalen Alkoholsyndrom (Grad I) besuchen später häufig keine normalen Schulen.
Auch die Verhaltensauffälligkeiten wie z.B. Ungeschicklichkeit, Eßprobleme, Probleme im Umgang mit Geschwistern können sich im Laufe der Zeit zurückbilden, wobei jedoch Hyperaktivität und leichte Ablenkbarkeit meist erhalten bleiben. Wahrscheinlich sind Verhaltensauffälligkeiten auch häufig durch das soziale Umfeld mitbedingt, so daß die Besserung eher auf die gebesserten Verhältnisse in Pflege- und Adoptivfamilien als auf einen Rückgang des alkoholbedingten Hirnschadens zurückgeführt werden kann.

Niedrige Körpergröße und -gewicht können sich mit zunehmendem Alter leicht ausgleichen, während ein zu kleiner Kopf zu klein bleibt.