Phasen der Abhängigkeit

I. Die voralkoholische symptomatische Phase

Befriedigende Erleichterung
Der erste Beginn des Genusses alkoholischer Getränke ist beim Süchtigen immer sozial motiviert. Im Gegensatz zum durchschnittlich sozialen Trinker empfindet der spätere Alkoholiker jedoch bald eine befriedigende Erleichterung im Trinken. In diesem Fall ist die Erleichterung stark gekennzeichnet, weil entweder seine Spannungen viel größer sind als bei anderen oder er hat nicht, wie andere, gelernt, seine Spannungen in der Hand zu behalten.
(In letzter Zeit wird der Einfluss des Hirnstoffwechsels, des so genannten "Belohnungssystems", als Ursache für die Ausbildung einer "Suchtpersönlichkeit" diskutiert. Die Forschungen stehen noch relativ am Anfang, erste Versuche mit Medikamenten, die dieses Belohnungssystem positiv beeinflussen, laufen zur Zeit.)

Gelegenheit gesucht
Anfänglich schreibt der Trinker seine Erleichterung eher der Situation als dem Trinken zu, zum Beispiel der lustigen Gesellschaft, dem Fest usw., daher sucht er Gelegenheiten, in denen beiläufig getrunken wird.
Tägliche Zuflucht Im Anfang sieht der so Trinkende nur eine gelegentliche Erleichterung, aber im Laufe eines halben Jahres bis zu zwei Jahren fällt seine Toleranz für seelische Belastungen in einem solchen Maße ab, dass er praktisch täglich Zuflucht zu alkoholischen Getränken nimmt. Da es noch nicht zu offener Trunkenheit kommt, erscheint sein Trinken weder seinen Freunden noch ihm selbst verdächtig.

Gesteigerter Bedarf
Nach einer gewissen Zeit kann eine Erhöhung der Alkoholtoleranz festgestellt werden. Das heißt, der Trinker braucht eine größere Menge Alkohol als früher um die gewünschte Beruhigung zu erreichen.

Dauerndes Erleichterungstrinken
Diese Trinkmethode dauert je nach Umständen einige Monate oder zwei Jahre. Sie geht vom Stadium des gelegentlichen zum dauernden Erleichterungstrinken über. Für die gleiche Wirkung wird immer mehr "Stoff" benötigt.

II. Die Vorläufer-Phase (Prodomale Phase)

Erinnerungslücken
Die prodomale Phase der Sucht wird eingeleitet durch plötzlich auftretende Erinnerungslücken, von Amnesien. Diese Gedächtnislücken können auftauchen ohne Anzeichen von Trunkenheit. Der Trinker, der nicht mehr als 50-60 g Alkohol getrunken zu haben braucht, kann eine vernünftige Unterhaltung führen, schwierige Arbeiten leisten, ohne am nächsten Tag eine Spur von Erinnerung daran zu haben; wenn auch manchmal ein oder zwei Einzelheiten ins Gedächtnis zurückgerufen werden können. Bier, Wein und Spirituosen beginnen jetzt praktisch aufzuhören, Getränke zu sein sondern werden vielmehr eine "Medizin", der Trinker braucht.

Heimliches Trinken
Dem Trinker wird allmählich bewusst, dass er anders trinkt als andere Leute. Dazu gehört das "heimliche Trinken". Bei geselligen Gelegenheiten versucht er, ein paar Gläser ohne Wissen der anderen zu trinken. Er fürchtet nämlich, falsch beurteilt zu werden.

Dauerndes Denken an Alkohol
Das "dauernde Denken" an Alkohol ist ein weiterer Beweis für seinen Bedarf.

Gieriges Trinken
Wegen seiner vermehrten Alkoholabhängigkeit tritt jetzt das "gierige Trinken", das Herunterkippen des ersten oder der ersten beiden Gläser, auf. Er merkt nun deutlich, dass mit seinem Trinkverhalten etwas nicht stimmt.

Schuldgefühle
Durch das Bewusstsein, das etwas nicht stimmt, entwickeln sich Schuldgefühle wegen seiner Trinkart.

Vermeidung von Anspielungen auf Alkohol
Deshalb beginnt er, bei Unterhaltungen Anspielungen auf Alkohol und Trinkverhalten zu vermeiden.

Zunehmende Gedächtnislücken
Die immer häufigeren Erinnerungslücken werfen den Schatten der Alkoholsucht voraus. Der Alkoholkonsum war bis hierher schon hoch, fiel aber noch nicht auf, da er zu keinem deutlichen Rausch führte. Hat der Trinker gegen Abend eines jeden Tages eine "Narkose der Seele" erreicht, beginnt sein Trinken die Nerven- und Stoffwechselvorgänge zu stören. Die Funktion des Alkohols verändert sich, er wird zur Droge. Der Trinker versucht nun, den Alkohol zu verstecken, weil er fürchtet, er könne negativ auffallen.
Die prodomale Phase kann von sechs Monaten bis zu vier oder fünf Jahre dauern. Sie endet und die kritische Phase beginnt mit dem Einsetzen des Kontrollverlustes. Ab hier beginnt die Alkoholsucht.

III. Die kritische Phase

Verlust der Kontrolle
Kontrollverlust bedeutet, dass bereits nach einer kleinen Menge Alkohol im Körper ein Verlangen nach "mehr" entsteht. Dieses Verlangen hält solange an, bis der Trinker zu betrunken oder zu krank ist für eine weitere Alkoholaufnahme.

Nach Genesung vom Rausch ist es nicht der Kontrollverlust, sondern es sind die ursprünglichen Konflikte oder ein geselliger Anlass,
die den Wiederbeginn des Trinkens einleiten. Ein Rest von "Kontrolle" besteht jedoch noch. So kann der Trinker noch durch eine Periode freiwilliger Abstinenz gehen. Bis jetzt weiß der Kranke nicht, dass in ihm Vorgänge abgelaufen sind, die eine dauernde Abstinenz unmöglich machen. Er versucht daher ständig, seinen "Willen zu beherrschen".

Erklärungsversuche
Mit dem Beginn des Kontrollverlustes beginnt der Kranke, sein Trinkverhalten zu erklären. Er produziert die bekannten "Alkoholausreden". Er findet Erklärungen dafür, dass er seine Kontrolle nicht verloren hat, sondern vielmehr ein guter Grund zum Trinken vorhanden ist und er durchaus in der Lage ist, den Alkohol wie jeder andere zu genießen. Die Erklärungen geben ihm die Gelegenheit, weiter zu trinken. Das ist für ihn von großer Wichtigkeit, den er kennt keine andere Möglichkeit zur Lösung seiner Probleme.

Soziale Belastungen
Dies ist der Anfang eines ganzen "Erklärungssystems", das sich allmählich auf alle Ebenen des Lebens ausbreitet. Es dient als Widerstand gegen "soziale Belastungen", die jetzt entstehen: Eltern, Frau, Freunde und Arbeitgeber beginnen den Alkoholkranken zu tadeln und zu warnen.

Übergroße Selbstsicherheit
Trotz aller Erklärungen kommt es zu einem Verlust des Selbstwertgefühls. Das wird kompensiert durch die "übergroße Selbstsicherheit nach außen", die der Kranke an den Tag legt. Extravagante Verschwendung und großspurige Reden überzeugen ihn selbst, dass er nicht so schlecht dran ist, wie er manchmal gedacht hat.

Aggressives Verhalten
Das "Erklärungssystem" isoliert den Kranken zunehmend. Das führt zu der Ansicht, nicht bei ihm sondern bei den anderen liegen die Fehler, was wiederum zu einer Abkehr von der sozialen Umgebung führt. Das erste Zeichen dieser Haltung, ist ein auffälliges "aggressives Verhalten".

Dauernde Zerknirschung
Traten in der prodomalen Phase zeitweise Gewissensbisse auf, entsteht jetzt eine "dauernde Zerknirschung" durch Schuldgefühle. Diese Belastung ist ein neuer Anlass zum Trinken.

Vorübergehende Abstinenz
Dem sozialen Druck folgend, durchläuft der Kranke jetzt "Perioden völliger Abstinenz".

Änderung des Trinksystems
Er findet eine andere "Methode" sein Trinken unter Kontrolle zu halten: Er glaubt, seine Schwierigkeiten kontrollieren zu können, indem er sich bestimmte Regeln aufstellt. Er versucht, nicht vor einer bestimmten Tageszeit, nur an bestimmten Orten oder nur diese oder jene Alkoholart zu trinken.

Isolation
Das Unverständnis der Umgebung ("ein Glas Wein schadet doch nicht") verstärkt diese Haltung noch. Die enorme Energieaufwendung in seinem Kampf schafft Feindseligkeit gegen seine Umgebung und er beginnt "Freunde fallenzulassen" und "Arbeitsplätze zu verlassen".

Wechsel der Arbeitsplätze
Diese Phase ist gekennzeichnet durch Verlust der Arbeit und Fallenlassen durch Bekannte. Meist übernimmt der Kranke selbst die Initiative und kündigt Freundschaften und Arbeitsplätze als vorausschauende Verteidigung.

Interessenverlust, Selbstmitleid
Alle Gedanken konzentrieren sich auf den Alkohol. Er richten den Tagesablauf darauf aus, wie Tätigkeiten sein Trinken stören könnten, nicht wie sein Trinken die Arbeit beeinflusst. Äußere Interessen gehen verloren und es entwickelt sich ein "auffallendes Selbstmitleid".

Flucht
Isolation und Erklärungen haben ein unerträgliches Maß angenommen. Der Kranke unternimmt "gedankliche" oder tatsächliche geografische Flucht ("Ortswechsel").

Änderung im Familienleben
Frau und Kinder, die den Trinkenden oft immer noch "decken" (Ko-Alkoholismus), ziehen sich aus Angst aus dem gesellschaftlichen Leben zurück oder entwickeln im Gegenteil ausgiebige Aktivitäten, um aus dem häuslichen Umfeld zu entkommen.

Grundloser Unwille
Diese und andere Vorkommnisse lassen einen "grundlosen Unwillen" beim Alkoholsüchtigen entstehen.

Sichern des Alkoholvorrates
Der Süchtige versucht, sich einen ständigen Vorrat an Alkohol zu sichern. Das Fehlen von "Stoff" veranlasst abenteuerliche Beschaffungsversuche. Er legt Verstecke an unmöglichen Orten an (leerer Aktenordner, Werkzeugkiste, Blumenbeete, WC-Spülkasten).

Vernachlässigung der Ernährung
Eine angemessene Ernährung wird vernachlässigt. Das verstärkt die schädliche Wirkung des Alkohols auf den Organismus zusätzlich.

Krankenhauseinweisungen
Es folgen die ersten Einweisungen in ein Krankenhaus wegen irgendwelcher alkoholbedingten Beschwerden (tiefe Depression, Bewusstlosigkeit, eruptive Gastritis u.a.m.).

Abnahme des Sexualtriebes
Eine von vielen organischen Auswirkungen ist der Verlust des Sexualtriebes. Dadurch entsteht Feindschaft gegen den Ehepartner, bei dem als Erklärung außerehelicher Verkehr vermutet wird. "Alkoholische Eifersucht".

Morgendliches Trinken
Gewissensbisse, Unwillen, Kampf zwischen Sucht und Pflichten, Selbstwertverlust, Zweifel und falsche Ermutigung haben den Kranken so weit zerrüttet, dass er den Tag nicht mehr ohne Alkohol kurz nach dem Aufstehen oder schon vorher beginnen kann. Es kommt zum "regelmäßigen morgendlichen Trinken".

In der kritischen Phase ist Trunkenheit die Regel. Sie ist noch auf den Nachmittig und die Abendstunden beschränkt, führt aber schließlich zum morgendlichen Trinken. Die kritische Phase ist gekennzeichnet vom heftigen Kämpft des Kranken gegen den Verlust der sozialen Basis. Er kann seiner Arbeit noch nachgehen, bekommt aber zunehmend Schwierigkeiten, die Familie wird vernachlässigt. Der moralische und körperliche Widerstand des Süchtigen gegen das drohende Unheil wird im Verlauf der kritischen Phase immer schwächer.

IV. Die chronische Phase

Das Ende: Alkohol zerstört den Menschen

Verlängerter Rausch
Die alles beherrschende Rolle des Alkohols und das Verlangen ("Craving") durch morgendliches Trinken brechen schließlich jeden Widerstand des Süchtigen. Er findet sich tagsüber und mitten in der Woche schwer betrunken. In diesem Stadium verharrt er einige Tage, bis er völlig unfähig ist, irgend etwas zu unternehmen.

Ethischer Abbau
Die ausgedehnten Exzesse haben einen bemerkenswerten "ethischen Abbau" und eine "Beeinträchtigung des Denkens" zur Folge, die jedoch nicht irreversibel sind.

Alkoholische Psychosen
Bei etwa 10 % aller Alkoholiker können jetzt auch echte "alkoholische Psychosen", d. h. alkoholische Geistesstörungen, auftreten.

Trinken mit Personen weit unter Niveau
Der Verlust der Moral ist so hoch, dass der Süchtige mit Personen weit unter seinem Niveau trinkt.

Zuflucht zu technischen Produkten
Wenn nichts anderes vorhanden ist, werden auch technische Produkte, wie Haarwasser, Rheumamittel, vergällter Alkohol, Melissengeist u. a. getrunken.

Verlust der Alkoholtoleranz
Zu dieser Zeit wird gewöhnlich auch der Verlust der Alkoholtoleranz bemerkt, er verträgt weniger.

Undefinierbare Ängste, Zittern
Undefinierbare Ängste und Zittern werden eine Dauererscheinung. Sie treten auf, sobald der Alkoholspiegel im Körper sinkt (Entzugserscheinungen). Also kontrolliert der Süchte diese Symptome mit Alkohol. Das trifft auch für die "psychomotorischen Hemmungen" zu, etwa die Unfähigkeit, eine Uhr aufzuziehen, ohne vorher Alkohol zu trinken.

Besessenes Trinken
Die Notwendigkeit, diese Entzugssymptome zu beseitigen, übertrifft alle anderen Bedürfnisse. Das Trinken nimmt den "Charakter einer Besessenheit" an.

Unbestimmte religiöse Wünsche
Bei vielen Süchtigen, etwa 60 %, entwickeln sich "unbestimmte religiöse Wünsche", während die Erklärungsversuche schwächer werden.

Erklärungssystem versagt
Im Laufe der ausgedehnten Exzesse werden die Erklärungen so häufig der unbarmherzigen Wirklichkeit gegenübergestellt, dass das gesamte "Erklärungssystem versagt". Die eigene Niederlage wird vom Süchtigen zugegeben.

Zusammenbrüche
Als Folge des Eingeständnisses der Niederlage erlebt der Kranke oftmals seelische Zusammenbrüche schwerster Art, die in jedem Fall eine ärztliche Behandlung notwendig machen. Selbstmordversuche sind in diesem Stadium nicht selten.

Alkoholdilirium
Ein Teil der Kranken zeigt als Folge des Weitertrinkens das Phänomen des gespaltenen Menschen. Die Persönlichkeit wandelt sich. Das Phänomen der Spaltung tritt besonders deutlich in den Alkoholpsychosen hervor und ist vielfach an Sinnestäuschungen gebunden (Hören von Stimmen und visuelle Täuschungen). Diese Krankheitsform wird als "Alkoholdilirium" bezeichnet. Die schwerste und lebensbedrohliche Form ist das Delirium tremens, das bei plötzlichem Alkoholentzug auftreten kann.

Hilfe
In dieser (End)Phase ist der Kranke am ehesten bereit, Hilfe von außen anzunehmen. Eine Einweisung in eine Entgiftungsklinik (nicht in ein Allgemeinkrankenhaus) ist für ihn lebensrettend und der mögliche Einstieg in eine Entwöhnungsbehandlung.